Reise im Jahre 1910 (2) – Der erste Tag in Bad Boll

TEIL2   Der erste Tag in Bad Boll

Es gibt nichts angenehmeres, als bei einem echten alten Schwarzwaldhotel anzukommen. Es ist wahr, dass es da keinen großen Komfort und Luxus gibt, aber der Wirt und seine Frau kommen heraus , um sie mit freundlicher Wärme zu begrüßen und zeigen eine persönliches, jedoch immer respektvolles, Interesse an ihrem Wohlergehen, was dem modernen Reisenden gut tut, der sonst an die unpersönliche lässige Art von eleganten Hotelbesitzer gewöhnt ist.

Auf jeden Fall waren wir froh genug, um von unseren nahen Quartieren hinabzusteigen, um uns von unserem robusten kleinen Wagen und seinem liebenswerten Besitzer zu verabschieden.

Obwohl unsere Knochen ein wenig durchgeschüttelt wurden, konnten wir ehrlich sagen, dass wir ihm ein paar schöne Stunden und einen weiteren Blick auf das Land verdankten, als es aus dem Eisenbahnwagon möglich gewesen wäre und beides zu einem Preis , der uns etwas beschämte.

Mein Rat an alle Reisenden, die die Möglichkeit haben unserer Route zu folgen : Wenn sie in Singen sind, fragen sie nach Singen’s Motorwagen. Das kann kein Fehler sein , es gibt nur einen !

Eingelullt durch das weiche unaufhörliche Rauschen des Flusses, der dicht unter unserem Fenster floss, und vielleicht ein wenig berauscht von der guten Luft, welche über dem Hohen Randen uns während unserer halsbrecherischen Fahrt zu geweht wurde, verbrachten wir unsere erste Nacht in Boll in einem traumlosen Schlaf.

Ich muss sogar gestehen, dass Frau Sonne bereits mehr als einen vollen Strahl in das Tal gesendet hatte, bevor wir in den großen luftigen Speisesaal des einfachen Gasthauses hinabstiegen, wo wir zu unserer Schande feststellten, dass wir die letzten der Langschläfer waren.

Aber vielleicht hatten wir eine Entschuldigung, die Atmosphäre in Bad Boll wirkt wie ein Betäubungsmittel auf die erschöpften Nerven von Stadt-Kindern.

Sogar im Vergleich zur Ruhe des verträumten Singen ist der Frieden an diesem Ort zuerst fast betäubend. Das Dorf liegt 20 Minuten entfernt, es gibt keine große Straße und nicht ein Haus oder eine Hütte , um das Gefühl der absoluten Einsamkeit zu lindern, auf beiden Seiten gehen die Wände der Schlucht, es ist mehr Schlucht als Tal, fast 600 Fuß (180m) hoch , zum Teil Fels , zum Teil Tannen bedeckte Erhabenheit , vollständig die Welt aussperrend , und nur die unveränderliche Stimme der geheimnisvollen Wutach bricht die Stille. Und nach einiger Zeit scheint dieses Geräusch auch zu verschwinden, es wird Teil des Hörers selbst und die Stille wird absolut.

Als wir über uns sahen, hatten wir in der Tat das Gefühl, dass dies das Ende der Welt sei, aber kein trauriges düsteres Ende. Der blasse Schwarzwald-Sonnenschein ( der Sonnenschein im Schwarzwald ist anders als irgendwo sonst auf der Welt ) , wie er auf die Westwand fällt und langsam den Fluss hinunter krabbelt , weckt so warme und lebendige Farben, dass wir uns anstatt am Ende der Welt vielmehr wie in einem unerforschten Märchenwald fühlten und, da wir dies entdeckt hatten, meinten, das Recht zu haben, es für uns in Anspruch zu nehmen. Ich glaube es ist das Gefühl der meisten Boll Besucher.

Der Ort ist so wenig bekannt und wird so wenig beworben, dass seine Klientel hauptsächlich aus Wanderern besteht , die in den letzten Jahren eher zufällig vorbei gekommen waren und die bezaubert durch seine Schönheit und Frieden wieder gekommen sind und ihre Freunde mitbrachten , und so stetig zu seinem wachsenden Wohlstand beitrugen.

Wir erkannten diese Besonderheit an unserem ersten Morgen, weil, als wir auf den Stufen unseres Hotels standen, unschlüssig in welche Richtung unsere erste Wanderung gehen sollte, wir in englisch von einem Herren mittleren Alters angesprochen wurden, der uns, mit teils freundlicher teils misstrauischem Interesse, schon eine Weile beobachtet hatte.

Nachdem er uns als fremd an diesem Ort entlarvt hatte, teilte er uns mit überlegener Erhabenheit mit, nach dem er uns informierte die letzten 20 Jahre regelmäßig Gast in Boll gewesen zu sein, dass es der schönste Ort im Schwarzwald sei, und dass er jede Ecke kennen würde.

Wir wagten daraufhin uns zu erkundigen wie es dazu kommt, dass trotz der ruhigen Lage und der geringen Modernität, Boll beim englischen Volk beliebt zu sein schien, ihn selbst inbegriffen. Er lächelte und deutete zum Fluss. „Das ist der Grund“ sagte er „Einst gehörte Boll einem englischen Anglerverein, welcher immer noch an diesem Ort interessiert ist, obwohl das Fischen nicht mehr das ist, was es mal war. Er schüttelte mit Bedauern seinen Kopf. „Dennoch ist die Forelle immer noch ausgezeichnet, sie werden das selbst herausfinden. Menschen die hierher kommen, kommen immer wieder, wenn sie von der richtigen Art sind jedenfalls“

Ich stellte mir vor mit der richtigen Art meinte er echte Wanderer, die Schönheit und eine interessante Umgebung einem luxuriösen und mondänen Hotelleben vorziehen. Jedenfalls als wir sagten, dass wir auf eine Eingebung warten würden, bevor wir eine Erkundungstour festlegen wollten, wurde sein Verhalten sanfter und er wies uns auf die Lothenbachklamm hin, etwa eine Stunde zu Fuß von Boll. „Es ist der schönste Wasserfall im Schwarzwald“ bekräftigte er stolz.


So eine schöne Beschreibung über Bad Boll und die Wutachschlucht habe ich noch nie vorher gelesen, deshalb musste ich sie auch unbedingt ins Deutsche übersetzen – zudem wenn man bedenkt, dass diese Reise nach Bad Boll schon vor 100 Jahren stattgefunden hat. Toll was die damals 25 Jahre alte  Schriftstellerin I. A. R. Wylie aus Australien da schreibt . Die restlichen auch sehr schönen 5 Teile demnächst hier.

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