Reise im Jahre 1910 (3) – Lothenbachklamm

TEIL3 Wanderung von Bad Boll zur Lothenbachklamm

Lothenbachklamm

Die Aussicht auf eine Zwei-Stunden Wanderung vor dem Abendessen regte unsere Phantasie an. Wir nahmen Abschied von unserem enthusiastischen Engländer, der sich mit seiner Anglerausrüstung beschäftigte, wir gingen auf dem schmalen Weg, auf dem uns unser Motorwagen am Vortag hinunter gebracht hatte, für zehn Minuten ging der Weg nach oben durch eine grüne Lichtung von Kiefern und Tannen, dann , geleitet durch die freundlichen Wegweiser, welche nicht einmal in den einsamsten Gegenden des Schwarzwaldes den Reisenden den Dienst versagen, wandten wir uns nach links und einmal mehr öffnete sich der Blick hinaus über die Wutach, nun so etwa 100m unter uns .

Von da bog sich die Straße graziös nach unten zum Ufer und wenn sich der Leser über dieses Auf und Ab der Route wundert, braucht er nur den Charakter dieses Tales zu bedenken, so dass es für den unermüdlichen Schwarzwaldverein nur da und dort möglich war einen Weg an der Seite der widerspenstigen Wutach zu gewinnen.

Weil das Tal mehr oder weniger die Arbeit des Flusses ist, ein Spalte, ein Schnitt des Wassers durch das weiche Kalkgestein und dadurch stellenweise so schmal, so wild und rau, dass dort kaum mehr als eine Fußbreite Platz für den Reisenden ist, der in früheren Tagen so gut er konnte waten musste, oder sich auf der Straße über dem Tal zu halten hatte, und sich dabei mit einem gelegentlichen Blick in den Abgrund darunter begnügen musste.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass er trotz seiner ungewöhnlichen Länge von 112 Kilometern, der längste Fluss im Schwarzwald, und seiner vielen ungewöhnlichen Eigenschaften, einer der am wenigsten bekannten und besuchten ist . Mit seiner Quelle auf den Höhen des Feldberges, und den Namen Rothwasser und Seebach, fließt er in den Titisee, den er von dort aus nordöstlich verlässt, neu getauft, das ist die verwirrende Eigenart von Schwarzwaldflüssen, auf den Namen Gutach.

Schlussendlich wählt er den Kurs Süd-Ost und wird zur „Wutach“ und mit diesem Namen nimmt der Fluss und sein Tal einen wild romantischen Charakter an.

Trotz seiner extremen Unzugänglichkeit wurde er besiedelt, wie die Ruinen auf den felsigen Wänden bezeugen . Zwei Burgen Stallegg und Neublumberg begegnet man auf dem Weg von Boll nach Göschweiler, aber die Zeit und die Geschichte sind hart mit ihnen umgegangen, nur wenig zu sehen ist übrig und noch weniger zu berichten. Ich muss zugeben, dass Stallegg unentdecktes Gebiet für uns bleiben wird, es liegt mehr als einen bequemen Wandertag hinaus, auch wenn das nicht für unseren energischen Mentor galt, aber das Vergnügen reichte für einen Tag und deshalb führte uns unser erster Tag nicht weiter als bis zur Lothenbachklamm.

Unsere angenehme kurvige Straße brachte uns einmal mehr zum Flussufer, wir pausierten einen Moment und betrachteten die Schattenmühle, sogenannt weil sie den langen Winter ohne Sonne ist, dann drehten wir nach links und verließen sie über einen moosigen Pfad.

Ein fröhlicher, ungeduldiger kleiner Bach, eilig auf seinem Weg in die Wutach handelte unbewusst als unser Führer und ein paar Minuten später schloss sich eine friedliche Lichtung an, durch die wir unser Weg machten , unser Weg ging stetig an einer Felsenwand entlang, in deren Spalten ein wunderbares Wachstum von seltenen Farnen und Waldblumen ihre Wurzeln gefunden hatten.

Unter uns entpuppte sich unser harmloser Bach als reißender Sturzbach, der eine Folge von Wasserfällen bildete, mit wütenden Schaum gegen den polierten Fels prallte, und der über die Stämme gefallener Kiefern wirbelte , die den Weg versperrten.

Lothenbachklamm

Von einer Seite dieser kleinen Schlucht zur anderen konnten bestimmt nicht mehr als ein paar Meter gemessen werden und die Gischt, die gegen unsere Gesichter sprühte , hing in den Farnen und tanzten wie winzige Diamanten durch den Sonnenschein, welchem es hier und da mal gelungen war seinen Weg mitten durch die überschattenden Kiefern zu finden.

Wir blieben einen Moment in freudiger Entzückung stehen und ich wagte zu bemerken, dass mich das an eine Szene der Wolfsschlucht in Webers Freischütz erinnerte, in der Tat, es erinnerte mich stark an eine Theaterdekoration. Worauf, wie ich es hätte erwarten können, meine deutsche Freundin verächtlich die Nase rümpfte. „Engländer haben einen so künstlichen Geschmack, dass sie nichts sehen können ohne an Kunst zu denken. Wenn du schon einen Vergleich machen musst, warum sagst du nicht die Theaterdekoration erinnert dich an das ? “

Aber unheilbar englisch setzte ich meine Gedanken fort, und , in der Tat, die Lothenbachklamm ist in jeder Kleinigkeit so perfekt, so ausgearbeitet in jedem Detail, dass es kaum möglich ist, das die unbekümmerte Natur und nicht eine Künstlerhand nach Effekten haschend die Felsen gehauen , die Farne gepflanzt, und die dunklen Bäume im Hintergrund so schlau angeordnet hat.

Sogar das Tierleben wurde im Plan der Dinge nicht vergessen . Ein herrlicher Schmetterling, scheinbar aus dem Nichts kommend, hat sich das leuchtende Rot einer wilden Erdbeere ausgesucht, um seine Flügel auszuruhen. Eine Eidechse mit vielen wechselnden Schattierungen huschte über den Weg und zögerte, wie ein steinernes Abbild, auf einem Felsvorsprung über dem Bach und man fragt sich, englisch eben, ob es nicht mit Absicht getan wurde, ob es nicht einen hinterlistigen Bühnenarbeiter gibt, der heimlich, zu unserem Hochgenuss, an den Fäden zieht.

Aber wie man sich vorstellen kann behielt ich diese frevelhaften Gedanken bei mir, und folgte meiner Kritikerin, die inzwischen den Anfang der Klamm erreicht hatte und einen Pfad in Augenschein nahm, der nach Osten neigte und versprach nach Boll zurück zu führen.


Original von  Ida Alexa Ross  Wylie  „Rambles in the Black Forest“ geschrieben vor 100 Jahren ,  von mir aus dem englischen übersetzt Die restlichen 4 Teile demnächst .

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