Reise im Jahre 1910 (6) – von Ewattingen bis Bad Boll

TEIL6 Von Ewattingen über Bonndorf zurück nach Bad Boll

Nun ist meine deutsche Freundin von optimistischer Natur, und trotz wiederholter Enttäuschungen, glaubt sie immer noch an ihre Mitgeschöpfe und ihre Viertelstunden.

Körperlich ermüdet und heimgesucht von einem vagen Misstrauen, folgte ich ihr den steilen Hügel hinauf, durch die Mittagssonne, die Minuten zählend, welche dreißig an der Zahl wurden, bevor ein Kirchturm zu sehen war, der uns sagte, dass Ewattingen in Sicht war. „Nun siehst du “ sagte meine Freundin „unsere Probleme sind zu Ende! „

Sie irrte sich . Die Wirtin des kleinen Gasthauses, wo wir uns informierten, schüttelte mit verrückter Heiterkeit ihren Kopf. „Ach ja“ sagte sie „Kutschen gibt es genug, aber da gibt es keine einziges Pferd im Dorf . Wissen sie, die sind alle auf den Feldern, woher kommen sie ? „

Wir erzählten es ihr und sie schaute uns mit halb mitleidiger Verwunderung an. Es schien, dass die gute Seele nie außerhalb ihres Heimatdorfes war und es ist sicher, dass sie dachte wir wären ein wenig verrückt. Wahrscheinlich war es deshalb Mitleid mit unserem offensichtlich schwachen geistigen Zustand, das sie dazu brachte im ganzen Dorf nachzufragen.

Sie kam mit ihrem welken, zerfurchten Gesicht voller Begeisterung zurück. „Ein Ochsenwagen geht auf die Felder nach Münchingen“ sagte sie „wenn sie möchten wird er sie auf den Weg mitnehmen“

„Wie weit ist es von Münchingen nach Bonndorf?“ erkundigte ich mich . Sie lächelte ein vages süßes Lächeln “ Eine knappe halbe Stunde nicht mehr “ Wir folgten ihr auf die Straße, wo eine Menge kleiner barfüßiger Racker schon gespannt auf unsere Abreise wartete. Der Ochsenwagen, ein Leiterwagen, wie er auch genannt wird, war auch da, bestückt nicht mit Ochsen, sondern mit Kühen, welche verträumt erschienen waren, und zur allgemeinen Belustigung beitrugen.

Nun, ein Schwarzwälder Leiterwagen ist ein Fahrzeug besonderer Bauart. Nehmen sie zwei lange Leitern, die Sprossen gut auseinander, befestigen sie diese schräg an beiden Enden mit einem Brett, so das sie eine Art Barrikade bilden, verbinden sie 4 Räder an diese Konstruktion und ihr Wagen ist komplett. Diese Leiterwagen werden benutzt, um Heu von den Feldern zu transportieren und sind nicht für den Gebrauch durch müde Reisende gedacht, wie wir bald feststellen mussten.

In freundlicher Fürsorge breitete unsere Wirtin Zeitungen auf den Boden des Wagens aus und instruierte uns, wie wir sitzen und die Füße durch die Sprossen baumeln lassen sollen.

Ich kann nicht dem Tölpel, der uns gefahren hat, die Schuld geben, für das halb erstickte Gelächter, von dem ich sicher bin, dass es aus seiner Richtung kam, weil wir sicherlich ein starkes Bild abgegeben haben müssen, wie wir mit 3 Kilometern pro Stunde aus dem Dorf hinaus gerüttelt sind.

Meine deutsche Freundin beschönigte die Lage, aber meine gute Laune hatte mich ganz verlassen. Ich fühlte mich verletzt und das verstärkte sich noch durch ihre gute Laune, so dass ich mit boshafter Genugtuung feststellte, wie ich eine viertel Stunde später hörte wie unser Wagenlenker , in einem der strengsten Dialekte, ihr mitteilte, dass sich unsere Wege von nun an trennen würden und wir zu Fuß gehen müssten. „Und wie weit ist Bonndorf?“ fragte meine Freundin fröhlich, als sie ihm dankbar ein Silberstück in seine schwielige Hand drückte. Es war klar, dass sie glaubte Bonndorf wäre gerade um die Ecke.

Unser Freund kratzte sich nachdenklich am Kopf „vielleicht drei Stunden“ sagte er “ es geht immer geradeaus, sie können den Weg nicht verfehlen. „

„Ein bisschen über 3 Stunden“ als er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Team zuwendete.

Der Rest ist Stille, wir erreichten Bad Boll 3 Stunden später, nachdem wir auf der heißen, staubigen Landstraße von einer wackligen, aber höchst willkommenen Kutsche gerettet wurden, welche in seiner weit entfernten Jugend mal der Besitz eines Gentleman war, und nun zum „Mädchen für alles“ , dem Dorffahrzeug hinab gesunken war. Unser gut gelaunter Lohengrin brachte uns bis Bonndorf, von da stapften wir bis Boll, dankbar, aber geläutert im Geist und unsagbar hungrig.

Nur nach einem guten Abendessen waren wir wieder in der Lage unseren Kampf wieder aufzunehmen und es war Glück für unseren Angler-Freund , dass er erst danach wieder auftauchte, sonst wäre unsere Freundschaft wohl schnell zu Ende gewesen. So endete unsere Wanderung flussabwärts.

Die Wutach führt ihren wechselhaften Weg weiter, vorbei an den Ruinen Schloß Blumegg, einst der Sitz des mächtigen Geschlechts zu Grimmelshofen.

Von Grimmeslhofen an verliert das Tal seinen interessanten Charakter und der Reisende kann, ohne Angst haben zu müssen eine landschaftliche Schönheit zu verpassen, die Eisenbahn nehmen, welche eine vergleichsweise neue Konstruktion ist, und die mit ihrem Kehrtunnel eine der interessantesten Ingenieurbauten im Schwarzwald darstellt .


Ein wunderschöner Bericht über eine Reise im Jahre 1910,  von der damals 25 Jahre alten australischen Schriftstellerin I. A. R. Wylie – „Rambles in the Black Forest“  –  von mir aus dem englischen übersetzt  . Der letzte Teil demnächst hier.

Es ist durchaus möglich, dass einer meiner Opas  mit bei  diesen barfüssigen Racker in Ewattingen war  🙂

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